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Anlässlich der öffentlichen Anhörung von Sachverständigen zum Antrag „Mit Hebammen und Entbindungspflegern gut versorgt von Anfang an“ möchte ich Euch Agnes vorstellen. Ich kenne Agnes aus ihrer Zeit bei den SJD-Die Falken in Leverkusen und sie ist Hebamme. Im Gespräch mit ihr habe ich viel erfahren und gelernt. Doch lest selbst, warum es wichtig ist, die Rahmenbedingungen für Hebammen und Geburtshelfer zu verbessern.

Hallo Agnes,
wie ich Dir erzählt habe, führen wir im Landtag NRW eine Anhörung zur geburtshilflichen Versorgung und Elternbegleitung durch. Ich finde es wichtig, dass hier auch einmal eine Hebamme, die seit vielen Jahren tätig ist, zu Wort kommt.
Ich freue mich sehr, dass Du mit mir dieses Interview führst!

1. Frage: Wann hast du dich entschieden Hebamme zu werden?

Hallo Eva, danke für die Gelegenheit, unsere Arbeit und die Arbeitsbedingungen einmal auf diese Weise darstellen zu können! Zu Deiner Frage: kurz vorm Abitur habe ich entschieden, mich für die Hebammenausbildung zu bewerben. Das Abitur habe ich gemacht, um mir eventuell noch ein Medizinstudium in der Hinterhand offen zu halten. Ich übe den Beruf seit 2004 aus und bin seit 2005 freiberuflich tätig.

Warum hast du dich für den Beruf der Hebamme entschieden?

Das weiß ich eigentlich gar nicht so richtig…
Ich wollte schon immer etwas Medizinisches und Soziales machen und mein eigener Chef sein. Meine ältere Schwester hat als Hebamme gearbeitet und erzählte mir immer wieder Geschichten aus dem Hebammenalltag. Diese haben mich immer sehr fasziniert und interessiert. Mein allererster beruflicher Wunsch war das Medizinstudium. Leider war es aber zu dem Zeitpunkt nicht möglich, einen Studienplatz zu bekommen. Da ich nicht lange warten wollte, entschied ich mich für die Hebammenausbildung. Außerdem machte mir die Vorstellung, dass ich als Hebamme später mit Familie meine Arbeit sehr frei selber organisieren, bestimmen und gestalten kann, viel Lust auf den Beruf.

War bei der Berufswahl der Verdienst auch ausschlaggebend?

Der Verdienst war nie von Interesse, sonst hätte ich doch noch Medizin studiert oder was anderes gelernt. Ich habe in meinen Hochzeiten als Hebamme, also als ich Single war und noch keine Kinder hatte, gutes Geld verdient. Allerdings war ich kaum zu Hause und hatte keine Freizeit. Im Moment verdiene ich angestellt 600 Euro netto (30% Anstellung bei Lohnsteuerklasse 5). Der Verdienst in der Freiberuflichkeit unterliegt großen Schwankungen. Monatlich kommen zwischen 700 bis 1000 € dazu.

Wie haben sich die Rahmenbedingungen deines Berufes im Laufe der Zeit verändert?

Die Rahmenbedingungen haben sich in den nur 13 Jahren sehr verändert. Allerdings auch die Frauen und auch die gesellschaftlichen Ansprüche. Die Frauen sind anspruchsvoller, gleichzeitig geht ihnen die Intuition verloren. Zudem gebären fast alle nur noch in der Klinik, was aber damit zusammen hängt, dass sich Beleghebammen (Anm.: Beleghebammen sind freiberuflich arbeitende Hebammen, die mit einer oder mehreren Geburtskliniken einen Belegvertrag abgeschlossen hat, oder in einem Krankenhaus mit sogenanntem Belegsystem arbeitet) und Hausgeburtshebammen nicht mehr versichern können.
Als ich anfing zu arbeiten, gab es keine Arbeitsplätze für angestellte Hebammen. Somit musste ich NRW verlassen und landete in Baden-Württemberg, wo ich im Angestelltenverhältnis anfing. In dem kleinen Ort und in der Umgebung gab es dann aber so viele freiberufliche Hebammen, so dass ich erstmal nur angestellt war. Freiberuflich zu arbeiten war dann erst in Karlsruhe möglich. Seit Ende 2005 war ich also angestellt und freiberuflich.
Die Freiberuflichkeit ist mittlerweile an eine Menge Auflagen (z. B. Qualitätsmanagement) gebunden und sie umfasst viel mehr Zeitaufwand als früher. Das ist sehr schade, denn die Zeit, die ich am Schreibtisch verbringe, könnte ich den Frauen widmen, die noch Hebammenhilfe brauchen. Viele freiberufliche Hebammen geben deshalb und vor allem wegen der steigenden Haftpflichtprämien ihre Freiberuflichkeit auf.
Zu meinen Berufsbeginn hatte ich als Hebamme kaum Frauen zu betreuen, jetzt gibt es kaum Hebammen, die die vielen Frauen versorgen können. Das Telefon bimmelt rund um die Uhr mit Anfragen. Leider bin auch ich irgendwann „ausgebucht“. Eine 1:1 Betreuung in der Klinik ist schon lange nicht mehr möglich. Viel zu wenige Hebammen und die vielen administrativen Arbeiten werden mehr.

Wie finden dich eigentlich die werdenden Mütter?

Als Hebamme betreue ich die Frau und ihr Kind - eigentlich aber auch die ganze Familie - vor, während und nach der Geburt. Meine Aufgaben als Hebamme sind vielfältig und mein Arbeitsfeld ist weit gefasst.
Selten bin ich nur Hebamme, manchmal die Anwältin der Frau, manchmal die Übersetzerin, die die verschiedenen Sprachen übersetzt, manchmal die Psychotherapeutin, manchmal die Kriegerin für die Rechte der Frauen, manchmal die Schulter zum Ausweinen, manchmal die Beraterin und manchmal nur eine Freundin.
Ich muss die Fachfrau in meinem Fach sein, aber auch genauso Geschäftsfrau und natürlich auch Mutter.

Wie sieht ein typischer Tag von dir aus?

Ich stehe um sechs Uhr auf, versorge meine Kinder (zwei gehen in die Schule und einer in die Krippe). Um neun Uhr gibt es den ersten Hausbesuch, um 13 Uhr hole ich die Kinder ab. Anschließend werden Hausaufgaben gemacht und dann außerschulische Aktivitäten wie z.B. Sport. Währenddessen noch ein oder zwei Hausbesuche, anschließend Abendessen, Kinder ins Bett bringen, administrative Tätigkeiten und zwischen 22 und 24 Uhr komme ich dann auch ins Bett.
An den Tagen, an denen ich in der Klinik bin, kommt noch ein Schichtdienst dazu (Früh-, Spät- oder Nachtdienst), dann betreue ich die Frauen vor oder nach meinen Dienst.

Wie viele Frauen bzw. Familien betreust du gleichzeitig? Was ist dabei die Schwierigkeit?

Ich betreue drei bis vier Frauen pro Monat.
Die Schwierigkeit ist als Hebamme und Mutter alles unter einen Hut zu bringen. Oft fehlt einem die Zeit, die man sich gerne nehmen würde. Da in ländlicheren Gegenden kaum noch Hebammen arbeiten, bin ich des Öfteren länger im Auto unterwegs. Die Zeit fehlt dann oft in der Betreuung. An den Tagen, an denen ich in der Klinik bin, muss ich ebenso zu den Frauen, denn die Babys halten sich selten an feste Termine. Zudem können immer wieder kleinere Notfälle auftauchen, die die ganze Planung durcheinander bringen.

Was sind deine Hauptaufgaben in der Vorher-Betreuung?

Eine große Aufgabe ist die Schwangerenvorsorge, die Hilfe bei Schwangerschaftsbeschwerden sowie die Vorbereitung auf die Geburt. Auch die Beratung zu allen möglichen Themen ist sehr wichtig. Meine Hauptaufgabe in der Schwangerenbegleitung ist jedoch die Bestärkung des eigenen Körpergefühls der Frau. „Du schaffst die Geburt, Du kannst gebären, Du kannst Mutter sein, Du kannst Dein Kind stillen! …“

Was sind deine Hauptaufgaben in der Nachher-Betreuung?

Die Hauptaufgabe ist hier die Betreuung und Beobachtung der Mutter mit ihrem Säugling, Stillen, Ernährungsberatung, Rückbildung Verhütung, uvm. Meine Hauptaufgabe in der Wochenbettbegleitung liegt in der Verarbeitung des Erlebten, Sicherheit ausstrahlen und Bestärkung geben.

Was ist deiner Meinung nach die Lösung für die Problematik der Haftpflichtversicherung?

Ich hoffe, es gibt bald eine!!! Der geforderte Haftungsfonds sollte eingerichtet werden und die Regresszeit muss überdacht werden. Der Verband muss valide Zahlen erheben und Profis zu den Verhandlungen hinzuziehen.

Und zum Schluss noch eine letzte Frage: Warum sind deiner Meinung nach Hebammen wichtig?

Hebammen sind die weisen Frauen, die werdende Mütter in allen Lebensformen unterstützen. Unsere Arbeit enthält einen Großteil an Gesundheitsprophylaxen. Wir sind mehr als nur die Fachfrauen, weil wir nach der Salutogenese arbeiten und uns die ganzheitliche Sichtweise auf ein Familiensystem nicht fremd ist. Wir stärken den Anfang der Gesellschaft und ermöglichen einen guten Start der Familie in einen neuen Lebensabschnitt. Ebenso sind wir Fachfrauen der physiologischen Geburt und müssen uns mit unserem Wissen nicht verstecken. Wir sind wichtig für die Stärkung der Frau in der Gesellschaft. Wir werden gebraucht!

Liebe Agnes, ich danke Dir für das Interview! Als dreifache Mutter und bald wieder werdende Großmutter ist mir eine gute Geburtshilfe- und auch die Vor- und Nachbegleitung für Eltern und Kinder-sehr wichtig. Wir sind gemeinsam gefordert, hier gute Bedingungen zu schaffen!

 

Das Interview fand anlässlich eines Antrages statt. Den Antrag findet Ihr hier: http://landtag/portal/WWW/dokumentenarchiv/Dokument/MMD17-535.pdf

Weiterführende Informationen hat der Verband der Hebammen: https://www.hebammenverband.de/startseite/

 

Der erste Dezember ist nicht (nur) der Beginn der Weihnachtssaison, sondern auch der Welt-AIDS-Tag. Philadelphia ist in diesem Falle kein Brotaufstrich, sondern ein Film von 1993, sogar zweifacher Oscar-Gewinner. In der Hauptrolle zu sehen: AIDS und Tom Hanks (sein Durchbruch) im AIDS-Jahrzehnt der 80ger Jahre.

Vorurteile und Ausgrenzung in „aufgeklärten“ Zeiten

Tom Hanks spielt einen aufstrebenden homosexuellen Anwalt, der mit HIV infiziert ist. Als seine Krankheit und sexuelle Orientierung seinen Chefs bekannt werden, wird er entlassen. Der Anwalt wehrt sich, sucht sich einen Rechtsbeistand und kämpft, während sein Gesundheitszustand sich laufend verschlechtert, um Gerechtigkeit.

HIV als Geißel der Schwulen, Perversen und Junkies

Der Film ist ebenso drastisch wie ergreifend, vor allem aber: ein grauenhaft genaues Bild der Bigotterie der 80ger Jahre in Amerika (und hier war das weiß Gott nicht besser). AIDS galt damals als „Schwulenkrankheit“ und wurde deshalb vorrangig als moralisches Problem des sittlichen Verfalls der Gesellschaft und nur nachrangig als medizinisches Problem „behandelt“. AIDS war die Folge eines perversen Lebensstils. Fei nach dem Motto „kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort, große Sünden mit AIDS“.
Nur langsam setzte sich die Erkenntnis durch, dass HIV sich für sexuelle Orientierung gar nicht interessiert und auch „ganz normale“ Menschen hiervon betroffen sind. Hämophilie-(Bluter-)Kranke, Erwachsene wie Kinder, wurden infiziert, weil sich Medikamentenhersteller Tests sparten und dies lange Zeit verheimlichten.

Von der Diskriminierung HIV-positiver Menschen…

Die 80ger Jahre waren in der Folge von einer regelrechten AIDS-Hysterie geprägt: HIV-Infizierte wurden wie Aussätzige behandelt, man traute sich nicht sie anzufassen und erzählte sich schauerliche Geschichten über ihren Lebensstil. Ich erinnere mich noch gut an die Angst und die Gerüchte, als die ersten HIV-infizierten Kinder in Kindergärten und Schulen bekannt wurden. Peter Gauweiler, damals Staatssekretär im bayerischen Innenministerium, wollte noch 1987 das Bundesseuchengesetz auf AIDS-Kranke anwenden und sie in Internierungslagern festsetzen (bis 2015 saß der gute Mann im Bundestag).

… zur Prävention

Die positive Kehrseite der hohen Aufmerksamkeit für das Problem AIDS waren die aus den Boden sprießenden AIDS-Hilfen und die Mitte der 80ger Jahre einsetzende schulische Aufklärungs- und Präventionsarbeit. Endlich diskutierten wir nicht mehr über Sittlichkeit, sondern über verantwortlichen Umgang mit Sexualität. Die Slogans „Gib AIDS keine Chance“ und „Kondome schützen“ prägten die Kinder dieser Zeit; und das mit Erfolg! Anders als sittliche Bigotterie (ich lass die Kirche hier mal im Dorf und den Dom in Köln) zeigte der offene Umgang mit AIDS nämlich Wirkung. Die jährliche Ansteckungsrate mit HIV sank in Deutschland von 6000 Menschen im Jahr 1986 auf etwa 2000 Neuansteckungen in den 90ger Jahren. Am ersten Dezember 1988 rief die WHO den ersten Welt-AIDS-Tag aus und etwa ein Jahr zuvor gründete sich die AIDS-Hilfe Leverkusen.

AIDS-Hilfe in Leverkusen

Die AIDS-Hilfe-Leverkusen hat dieses Jahr ihr 30jähriges Jubiläum gefeiert. Unter dem Motto „Das Schlimmste an AIDS ist, über AIDS nichts zu wissen“ leisten die ehrenamtlichen Mitglieder der AIDS-Hilfe-Leverkusen wertvolle Arbeit im Bereich der Information, Beratung und Begleitung von Betroffenen. Ob in Selbsthilfegruppen oder auf Einladung in Schulen, hier finden sich immer kompetente AnsprechpartnerInnen und ich bin froh, dass wir so einen Verein in Leverkusen haben. Beeindruckend an der Jubiläumsfeier waren nicht nur die zahlreichen Gäste, sondern auch die Begegnungen mit einem Gründungsmitglied und Mitstreiterinnen aus den ersten Tagen.

Tina, was kosten die Kondome?

Wenn wir Deutschland und den wohlhabenden Westen insgesamt beobachten, lassen sich die unglaublichen Erfolge der AIDS-Prävention und Aufklärung nicht leugnen. Die jährlichen Neuansteckungen mit HIV betragen seit einigen Jahren in Deutschland etwa 3000 Menschen. Aber nicht nur bei den Neuansteckungen hat sich einiges getan, auch die medizinische Versorgung und die Forschung haben enorme Fortschritte gemacht. HIV-Infizierte können heute sehr lange ein sehr normales Leben führen.
Das ambitionierte Ziel der UNAIDS, dass bis 2020 90% der Infizierten von ihrer Infektion wissen, 90% und 90 % der Therapierten Zugang zu Medikamenten haben sollen, erscheint sogar realistisch: Ein Bericht aus 2016 zeigt, dass bereits über 70% der HIV-Infizierten Menschen ihren Status kennen. 77%von ihnen haben Zugang zu einer Behandlung. Bei 82% der behandelten wird das HI-Virus soweit unterdrückt, dass kaum gesundheitliche Einschränkungen und Ansteckungsgefahren bestehen.
Und trotzdem: die Zahl der weltweiten Neuinfektionen in 2016 mit ca. 1,8 Millionen (davon etwa 160.000 Kinder!) ist immer noch erschreckend hoch.

Risiken und Nebenwirkungen erfolgreicher AIDS-Bekämpfung

Bei Philadelphia muss ich immer an AIDS denken. Geht es Ihnen auch so? Ich stelle mir vor, dass einigen von Ihnen sofort klar war, worauf ich hinaus. Andere mussten kurz nachdenken, und wieder andere konnten keine Verbindung ziehen. Ich will natürlich nicht auf Bildungslücken hinaus, sondern ich vermute, es ist schlicht eine Frage des Jahrgangs: Die Jüngeren unter uns kennen Philadelphia vielleicht nur noch aus der Schule und ich glaube auch AIDS spielt in den heutigen Lebensrealitäten so gut wie keine Rolle mehr. Es ist schlicht kein so verbreitetes Problem mehr. AIDS findet heute woanders statt, entweder räumlich in der „dritten Welt“ oder aber sozialräumlich in den bedauernswerten Milieus der Junkies und sonst irgendwie abgehängten und gescheiterten Existenzen. Und hierin liegt eine Gefahr: Das Kondom steht heute in erster Linie für Verhütung, nicht für Schutz vor Krankheiten. Und mit der heute nahezu flächendeckenden Verwendung der Anti-Baby-Pille scheint die Verwendung des Kondoms nachzulassen. Die Neuinfektion mit Geschlechtskrankheiten nimmt seit einigen Jahren wieder zu. Zwar gilt dies noch nicht für HIV, aber das liegt wohl an den neuen Medikamenten, die die Konzentration des HI-Virus bei HIV-positiven Menschen soweit senken, dass das Risiko einer Ansteckung äußerst gering ist.

Gegen das Vergessen – Gib AIDS keine Chance!

Ich finde es gut, dass AIDS kein Grund mehr zur Panik ist. Und dennoch: es macht mir Sorgen, dass der Film Philadelphia mit dem Thema auch das Vergessen teilen könnte, eine Sorge, die auch auf der Jubilarfeier der AIDS Hilfe Leverkusen zu hören war: Auch hier teilt man das Gefühl, dass AIDS in der Gesellschaft aus dem Blick rutscht und eher als ein Problem in Afrika wahrgenommen wird. Aber wie kann denn in einer globalisierten Welt ein Problem oder eine Krankheit nur regional sein? Denn hier trennen sich die Wege von Film und Krankheit: Der Film darf als Klassiker archiviert werden, HIV und AIDS jedoch dürfen nicht einfach ein Fall für die Geschichtsbücher werden.
In diesem Sinne: Heftet euch die rote Schleife an! Das „Red Ribbon“ als Symbol für Solidarität mit HIV-positiven Menschen und auch einfach als Erinnerung, dass AIDS weder aus der Welt, noch aus Deutschland verschwunden ist!

Was ist die alte Landesregierung von den damaligen Oppositionsparteien CDU und FDP gescholten worden: Die Rot-Grüne Landesregierung enthalte den Kommunen Mittel des Bundes für die Integration von Geflüchteten vor. Statt den gebeutelten Kommunen mit der Integrationspauschale des Bundes bei der Integration unter die Arme zu greifen, stößt es sich gesund auf Kosten der eh schon klammen Kommunen. Wir wurden regelrecht gegrillt mit dieser augenscheinlichen Ungerechtigkeit. Und es klingt ja auch so: da sitzen die grauen Frauen und Herren vom Land auf ihren Geldsäcken und lachen sich ins Fäustchen, während die Städte und Gemeinden unter der Last der Flüchtlinge zusammenbrechen. Robin Hood also, David gegen Goliath. Aus diesem Stoff sind die ganz großen Geschichten ebenso wie der CDU Wahlkampf gewebt: „Wir werden die Integrationspauschale restlos an die Kommunen weiterleiten“, versprach die CDU im Wahlkampf.

Ein rot-grüner Skandal - Alles in die Kommunen?

Doch der Reihe nach: Als der Bund 2016 den Ländern mit der Integrationspauschale den Ländern zusätzliche Mittel für die Integration von Flüchtlingen bewilligte, entspann sich eine im Ton leidenschaftliche, inhaltlich aber widersinnige Debatte: Die rot-grüne Landesregierung wollte die Integrationspauschale nicht vollständig den Kommunen geben. Die CDU witterte hier einen Skandal: Wenn das Land schon juristisch nicht falsch lag (die Mittel waren nicht für die Kommunen bestimmt), dann doch moralisch, indem es die Kommunen finanziell ruiniere, schließlich finde ja „Integration in der Kommune statt“.
Ich möchte niemanden mit Details belästigen (das hat auch mir damals keinen Spaß gemacht), also long story short: Bevor die Integrationspauschale vom Bund kam, hatte die Landesregierung bereits ihre Zuschüsse für die Kommunen erhöht. Von der Integrationspauschale behielt sie dann einen Teil für Lehrer und Landesaufnahmeeinrichtungen etc. ein, also für Integrationskosten, die zwar vor Ort in der Kommune anfallen, aber vom Land getragen werden müssen. Auch dieses Geld ist damit in die Kommunen geflossen, freilich nicht in die kommunalen Haushalte. Über die Frage, wie sehr das Land die Kommunen unterstützen solle, lässt sich trefflich streiten (und das tun wir auch), aber von einem Skandal weit und breit keine Spur! Dennoch haben wir ein kommunikatives Desaster erlebt. Das aber nur am Rande, es geht mir hier nicht um das Für und Wider einer Weiterleitung der Integrationspauschale. Es geht mir um etwas anderes: Um die Redlichkeit in der Politik, genauer: Um die Redlichkeit der neuen Landesregierung und ihres Ministerpräsidenten.

Ein Glashaus in schwarz-gelb?

Nach dem demokratischen Rollentausch ist die CDU mit Armin Laschet als neuem Ministerpräsidenten Regierungspartei und wir sind die Opposition. Als quasi neuer Goliath könnte Armin Laschet also ungestört die Kommunen mit der Integrationspauschale beglücken. Doch die schwarz-gelbe Landesregierung erlässt einen Nachtragshaushalt (es gilt noch der Haushalt der rot-grünen Regierung, der Nachtragshaushalt ist eine nachträgliche Veränderung) und erwähnt die Integrationspauschalen mit keinem (!) Wort. Auf Nachfrage hält man sich bedeckt: „Das wird derzeit noch beraten.“ und hofft wohl auf das kurze Wählergedächtnis.

Nun ist über die Halbwertszeit von Wahlversprechen längst alles gesagt und ich bin lange genug als Abgeordnete Teil einer Regierungspartei gewesen, um die Möglichkeiten und Grenzen von Regierungsmacht zu kennen: Längst nicht alles lässt sich durchsetzen. Aber, es macht doch einen gewaltigen Unterschied, ob ein Wahlversprechen aufgrund fehlender Durchsetzungschancen nicht realisiert werden kann, oder ob man Inhalte ausschließlich als strategische Verhandlungsmasse im Kampf um Macht begreift. Und eben dies scheint mir bei der Integrationspauschale der Fall zu sein: Es gibt keinen sachlichen Grund, die Integrationspauschale den Kommunen zu verweigern, der nicht vorher schon gegolten hätte: Die Sachlage hat sich seit dem Regierungswechsel nicht verändert, die finanzielle Situation des Landes ist so wie erwartet, eher ein wenig positiver, die Integrationslasten sind ebenfalls dieselben. Politisch ist von der FDP als kleinem Koalitionspartner bisher kein lautstarker Protest gegen eine Weiterleitung der Integrationspauschale zu vernehmen. An mangelnden Durchsetzungschancen oder an fehlender Macht, scheint es auch nicht zu liegen. Beides übrigens, sachliche Einwände und fehlende Macht, kann eine Regierung immer auch zugeben: gute Gründe kann man immer erklären. Über gute Gründe kann man sich im politischen Geschäft freuen.

Doch die Landesregierung schweigt. Sie hat also entweder keine Argumente, oder hält es nicht für nötig der interessierten Öffentlichkeit Rede und Antwort zu stehen. Das ist vielleicht einfach mangelnder Respekt vorm Wahlvolk, in jedem Fall aber eine Sauerei! Man kann doch nicht bei jeder Gelegenheit den Populismus einer ganz bestimmten Partei beklagen und dann selbst die Blaupause für eben diesen Populismus liefern. Populismus heißt ja nicht: populäre Forderungen zu stellen und umzusetzen (das ist völlig legitim, ja demokratisch), sondern populäre Forderungen zu stellen, ohne auch nur in Betracht zu ziehen, sich an diese zu halten.

Was bleibt?

Es ist enttäuschend, dass unser neuer Minister nicht das Format hat, seinen Wählern zu erklären, was er in Zukunft mit der Integrationspauschale plant und warum er sich nicht für die Weiterleitung der Integrationspauschale einsetzt. Wenn er gute Gründe hat, warum benennt er sie dann nicht? So bleibt der fade Beigeschmack eines Wahlkampftricks.
Die CDU hat sich mit Ihrer Schlusslichtkampagne auch und vor allem als Retterin der Kommunen positioniert. Nicht nur in der Integrationsfrage! Jetzt wird der sogenannte Kommunalsoli abgeschafft (link), den Kommunen ein erheblicher Finanzaufwand für die Krankenhäuser zugeschustert und zu allem Überfluss Geld für den Umzug des Büros des Ministerpräsidenten und Millionen für neue Posten in der Ministerialverwaltung ausgegeben… auch hier übrigens ohne Angabe von Gründen. Und das ist es, was mir gehörig an die Nieren geht: Die Arroganz mit der das Wahlvieh nicht einmal mit Erklärungen bedacht bedacht wird

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Die Schulsozialarbeit in NRW geht weiter! Die Landesregierung hat sich endlich entschlossen, die Finanzierung der Schulsozialarbeit bis 2021 sicherzustellen. Warum das eine gute Nachricht für die Schulen in NRW ist, möchte ich kurz erklären.

Was ist Schulsozialarbeit?

Wenn man Politikerinnen und Politiker fragt, was denn Schulsozialarbeit sei, bekommt man schöne Antworten wie z. B.: „Schulsozialarbeit ist ein wichtiges Instrument, um Kindern und Jugendlichen aus finanziell benachteiligten Familien die Chance auf Teilhabe an schulischen und außerschulischen Aktivitäten zu ermöglichen. Schulsozialarbeit ist aber weit mehr als das. Sie kann ein wichtiges Glied einer Präventionskette sein und damit ein Bindeglied zwischen Jugendsozialarbeit und Schule. Schulsozialarbeit kann in dieser Funktion schon frühzeitig mögliche Probleme identifizieren und handeln, bevor etwas passiert.“ (Zitat aus dem aktuellen Antrag meiner Fraktion).

Übersetzt heißt das in etwa: in der Schule, in der die Kinder immer mehr Zeit verbringen, geht es nicht allein nur darum, dass die Kinder unter anderem Lesen, Schreiben und Rechnen lernen. Die viele Zeit, die Kinder in der Schule verbringen, hat zur Folge, dass sich ihre Ängste, Sorgen und Nöte auch im Schullalltag wiederfinden. Hier wird es dann für Lehrerinnen und Lehrer schwierig, neben der Wissensvermittlung auch noch die Rolle des Beraters, Vermittlers oder der Trösterin auszufüllen. Und schon sind wir bei Schulsozialarbeitern: Sie füllen diese Lücke, unterstützen damit Schüler und entlasten die Lehrerinnen und Lehrer. Schulsozialarbeiter haben eine andere Ausbildung und verfügen über spezielle Methoden, um Kindern und Jugendlichen zu begegnen. Vor allem sind sie unabhängig vom Lehrpersonal und der Schulleitung und können deshalb leichter Vertrauensperson von Schülern sein.

Schulsozialarbeit ist auch für Lehrer und Eltern wichtig

Ich kann mich noch gut an die Zeit erinnern, als meine Kinder zur Schule gingen. Da gab es einen Ausflug, eine Klassenreise oder mal Nachhilfebedarf – und bei drei Kindern geht das ganz schön ins Geld. Schulsozialarbeiter können Eltern umfangreich beraten, wenn diese Hilfe brauchen. Sie kennen viele Hilfsangebote der Kommunen und haben engen Kontakt zu den ansässigen Jugendämtern. Und man muss dafür nicht zum Amt, sondern die Beratung kann direkt in der Schule erfolgen.
Auch Lehrer holen sich hier Hilfe bei Problemen im Schulalltag – ebenso ein Beispiel für die richtige Ansprechpartnerin vor Ort. Gemeinsam mit Schulsozialarbeitern kann frühzeitig auf eventuelle Probleme von Kindern oder gar Klassen eingegangen und gegengesteuert werden. Ich denke da an Mobbing oder Schulverweigerer.

Ein steiniger Weg

Schulsozialarbeit ist heute ein wichtiger Bestandteil der Bildungs- und Sozialpolitik. Aber das war nicht immer so: In Leverkusen liest sich das Gezerre um die Schulsozialarbeit wie ein kleiner Polit-Thriller.

Die Aufstockung der Schulsozialarbeiter ist ab 2010 aus Bundesmitteln finanziert worden. Ende Dezember 2013 hat der Bund dann die Weiterfinanzierung abgelehnt und meinte, dass die Kommunen jetzt selbst bezahlen sollen bzw. sie sich an die Länder wenden könnten.

Ende 2013 haben wir hier in Leverkusen in großer Kraftanstrengung dafür gesorgt, dass die wichtige Arbeit der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter an unseren Schulen weitergeführt wird. (Außerdem zeigte sich, dass in Leverkusen die Zuwendungen aus dem Bundesprogramm unter dem damaligen Oberbürgermeister nicht ganz für die Schulsozialarbeit verwendet wurden, sondern in den Stadtsäckel geflossen sind. Damit war die Finanzierung bereits für das Jahr 2014 nicht mehr gesichert. Nun ja… :-/)

Grundsteuer rauf – Grundsteuer runter - oder doch nicht?

Um also weiterhin die Schulsozialarbeiterinnen an unseren Schulen bezahlen zu können, gab es mitunter kreative Ideen. Letztlich wurde im Rat eine Erhöhung der Grundsteuer B beschlossen. Dann gab die rot-grüne Landesregierung im Herbst 2014 bekannt, die Schulsozialarbeit für die Jahre 2015 bis 2017 mit einem Zuschuss von jährlich 384.091,35 Euro zu unterstützen und die Erhöhung der Grundsteuer B wurde teilweise wieder zurückgenommen.

Kinder sind keine Projekte!

Jetzt hat sich die neue Landesregierung nach langem Ziehen und Zerren endlich durchgerungen und die Schulsozialarbeit zumindest bis 2021 finanziell abgesichert. Ziel muss es aber sein die Schulsozialarbeit dauerhaft an den Schulen zu etablieren, als selbstverständliche Aufgabe der Bildungs-, Sozial- und Jugendpolitik und nicht als alle Jahre wieder in Frage zu stellendes Projekt! Kinder sind nämlich keine Projekte!